Wege der Befreiung (1/2016)

Die Rolle der Theologie im Kampf für eine gerechtere und inklusivere Welt

Wilfred, Felix

Das Leben der Menschen im globalen Süden ist durch Ungleichheit und Ausgrenzung gekennzeichnet, doch das trifft zunehmend auch für die Menschen im Norden zu. Die unipolare Welt nach dem Ende des Kalten Krieges wird völlig von einem ausbeuterischen Kapitalismus und durch einen freien Markt angetrieben, der zu materiellem Mangel und der Vertreibung von Millionen von Menschen führt und gravierende Folgen für die Gesellschaften und die Umwelt hat. Lampedusa ist das Symbol unserer geteilten Welt und ihrer Opfer, und es steht auch für „eine moralische und politische Schande“. Eine authentische Theologie wird sich fragen, welche Rolle sie angesichts der drängenden Aufgaben unserer Zeit spielt. Welchen Beitrag kann die Theologie zur Erlösung oder zum Wohlergehen (salus) der Welt leisten? Sie muss die behäbigen dogmatischen Erläuterungen, die keinen Bezug zu den brennenden Themen der Menschheit und der Natur haben, allmählich beiseitelegen. Wenn sich die Theologie ihrer allwissenden Behauptungen über Sünde und Erlösung entledigt, wird sie wie Jesus in demütiger Weise versuchen, Antworten auf den Schmerz und das Leid der Menschheit zu finden. In diesem Prozess wird die Theologie zur Erfahrung des größten Mysteriums von Liebe und Mitgefühl gelangen und Gott, die Menschen und das Universum miteinander verknüpfen.

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Die Aufgabe der Theologie nach der postkonziliaren Restauration

Queiruga, Andrés Torres

Das Zweite Vatikanische Konzil bereitete einer Zeit der Restauration ein Ende und setzte große theologische Kreativität zur Behandlung der großen Probleme des Menschen auf Augenhöhe frei. Dabei hatte man die klare Absicht, die neue Situation der Säkularisierung zu akzeptieren. Die Zeitschrift CONCILIUM entstand aus der Intention heraus, zu dieser Aufgabe einen Beitrag zu leisten. Wie jede große Veränderung war auch diese der Ursprung eines ausgeprägten Pluralismus. Die offizielle Reaktion war ein deutlicher Rückzug der Kirche und wachsende Restauration auf dogmatischer Ebene. Die theologische Arbeit sah sich behindert und häufigen Sanktionen ausgesetzt. Die Folge davon war, dass sie sich stärker auf positive Forschung, die Fragen um den Menschen und den Kontakt zu den entsprechenden Wissenschaften verlegte. Das neue Pontifikat versucht, zur ursprünglichen Absicht des Konzils zurückzufinden, ruft auf zu einer neuen Beschäftigung mit den Problemen der Welt und betont die Werte des Evangeliums, die die Armen, die Ausgegrenzten und die Bedürftigen im Blick haben. Die Theologie hat nun, ohne ihre praktische Orientierung aufzugeben, die Chance, die Erforschung der großen Glaubenswahrheiten zu erneuern, um ihnen in der gegenwärtigen Situation Relevanz und Wirksamkeit zu verleihen. Sie wird nur dann wirklich zur Schaffung von Humanität beitragen können, wenn es ihr gelingt, die spezifische Bedeutung des Beitrags des Evangeliums klar herauszustellen. Diese Situation stellt einen neuen kairós für die Theologie dar, der meiner Meinung nach auch ein neuer kairós für CONCILIUM sein muss.

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Die »Seele der Theologie« – Hoffnungen, Kummer und offene Fragen. 50 Jahre Biblische Studien in CONCILIUM

Wacker, Marie-Theres

Bei der Gründung von CONCILIUM vor 50 Jahren stand außer Frage, dass der Bibel und mit ihr der Bibelwissenschaft ein hohes Gewicht zu geben sei, hatte das II. Vaticanum die Biblischen Studien doch als „Seele der Theologie“ bezeichnet. Der Beitrag zeichnet die Verschiebungen und Umbrüche des Umgangs mit der Bibel in den fünf Jahrzehnten des Bestehens der Zeitschrift nach und arbeitet dabei grundlegende Problemstellungen für eine Exegese, die sich als zeitgemäße theologische Disziplin versteht, heraus.

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Theologie: Hermeneutik für eine gemeinsame Zukunft

Susin, Luiz Carlos

Der Beitrag erinnert an die „hermeneutische Kehre“ des 20. Jahrhunderts, die die Erneuerung der Theologie erst ermöglichte, an den Beitrag des Zweiten Vatikanischen Konzils und an die Gründung der Zeitschrift CONCILIUM. Dann macht sich der Beitrag den Grundsatz zu eigen, dass das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile, und greift große Fragen unserer Zeit als Hinweise auf die nächsten Themenfelder für eine theologische Hermeneutik auf: die Ökologie, die Menschheitsfamilie, die Vielfalt der Kulturen, die Naturwissenschaften und die Religion als Gastfreundschaft.

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Der unbezwingbare Pluralismus der Kulturen und die Einheit der Theologie

Courau, Thierry-Marie

Die Einheit der Theologie ist ein Thema mit vielerlei Zugängen. Ist es möglich, von Einheit zu sprechen, wenn die Vielfalt und Diversität sich als unvermeidlich erweisen? Auf der Ebene der kulturellen Vielfalt und im Umgang mit ihr steht die Suche nach dem Gleichen oft an erster Stelle. Der Pluralismus der Kulturen wird in diametralem Gegensatz dazu konstruiert. Ohne Beunruhigung stellt er sich ihrer irreduziblen Einmaligkeit, um sich sowohl von der Verwirrung als auch vom Trugbild einer einhelligen Wahrnehmung zu distanzieren. Er bringt jeden dazu, dia-logisch an einem Gemeinsamen zu arbeiten. Die Zukunft der Theologie und ihrer Einheit liegt mitten in dieser Bewährungsprobe: dem Aufeinandertreffen der Irreducibilia, das zur Quelle einer »gemeinsamen« Theologie wird.

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Fünfzig Jahre für eine Zukunft des Christentums und der Menschheit

Sobrino, Jon

Der Autor schreibt über seinen Beitrag: Ich möchte aufzeigen, von welch grundlegendem Einfluss CONCILIUM auf meine Weise zu leben und zu denken war. Ich fasse das in drei Punkten zusammen: 1. Die ehrliche Haltung gegenüber der Wirklichkeit, wie ich sie im Beitrag von Johann Baptist Metz aus dem Jahr 1965, „Der Unglaube als theologisches Problem“, gefunden habe; 2. Die Zivilisation der Armut, beschrieben in einem Beitrag von Ignacio Ellacuría aus dem Jahr 1982: „Das Reich Gottes und die Arbeitslosigkeit in der Dritten Welt“; 3. Das Martyrium für die Gerechtigkeit, das sehr gut dargestellt wurde in Karl Rahners Beitrag aus dem Jahr 1983, „Dimensionen des Martyriums. Plädoyer für die Erweiterung eines klassischen Begriffs“.

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Sehen – Urteilen – Handeln? Eine methodologische Revision

Pilario, Daniel Franklin

Der Beitrag will den Dreischritt aus Sehen, Urteilen und Handeln so, wie er über die Jahre hin angewendet worden ist, überprüfen und der Frage nachgehen, ob gewisse Kontexte im heutigen Asien und andernorts es womöglich erforderlich machen, diese Methode zu revidieren und zu überdenken. Erstens hat das »Sehen« (die Gesellschaftsanalyse) über die als marxistisch eingestufte harte Form der sozio-ökonomischen Analyse hinaus schon immer plurale Kontexte unterschiedlicher Kulturen, Gender-Identitäten und Religionen in den Blick genommen. Auch wenn diese »Pluralisierung« notwendig war, verlangt das gegenwärtige unbarmherzige System der Globalisierung eine Rückkehr zu der ursprünglichen Kritik am »Götzenkult des Geldes«, die bereits in der Frühzeit der Befreiungstheologie geübt wurde. Zweitens ist das »Urteilen« im klassischen Sinne als die Anwendung der sogenannten »christlichen Prinzipien« auf den jeweiligen Kontext verstanden worden. Heutige reflexive Wissenschaften stellen jedoch die Herrschaft der Theorie über die Praxis in Frage und plädieren dafür, bei der (Neu-)Fassung dogmatischer christlicher Aussagen und pastoraler Strukturen die Bedeutung der menschlichen Erfahrungen und Überlegungen in Graswurzelgemeinschaften zu überdenken. Drittens muss das »Handeln« den vermeintlich selbstverständlichen alltäglichen Widerstand unter Graswurzelgemeinschaften, die selbst auf brutalste Weise von den Übergriffen des globalen Kapitals betroffen sind, wieder neu würdigen.

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Wege der Befreiung: Die katholische theologische Ethik nach dem II. Vaticanum und darüber hinaus

Cahill, Lisa Sowle

Nach dem II. Vaticanum begann man in der katholischen Ethik, persönliche Moralvorstellungen ganzheitlicher zu betrachten, der sozialen Gerechtigkeit mehr Aufmerksamkeit zu schenken, bei der Betrachtung sozialer Probleme die globale Ebene stärker in den Blick zu nehmen und beim Gerechtigkeitsverständnis der „vorrangigen Option für die Armen“ den Vorrang einzuräumen. Mit diesen Veränderungen lassen sich vier ethische Modelle in Verbindung bringen: eine Ethik persönlicher Moralvorstellungen, eine Ethik des universalen Gemeinwohls, die Befreiungsethik sowie, vielleicht am wichtigsten, eine Ethik des Empowerment, die für das eigene moralische und politische Handeln unterdrückter Völker steht.

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Ganz ins gesellschaftliche Gefüge eintreten

Verstraeten, Johan

Mit anregenden Metaphern, symbolischen Gesten und zwei außergewöhnlichen Texten (dem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium sowie der Enzyklika Laudato Si’) hat Papst Franziskus der künftigen Entwicklung der offiziellen katholischen Soziallehre seinen Stempel aufgedrückt. Indem er mit seinen Überlegungen an die radikal-prophetische Agenda anknüpft, die eine erhebliche Zahl von Bischöfen beim II. Vaticanum vertreten hat, entwirft er einen Rahmen dafür, wie die Kirchenmitglieder (in EG) und alle Menschen (LS 3) auf die Zeichen unserer Zeit reagieren können (EG 51, 53 und 133). Der Beitrag möchte herausarbeiten, wie das radikale und realitätsbezogene Denken des Papstes neue Perspektiven für die katholische Soziallehre und soziale Praxis eröffnet. Die Bezüge auf Laudato Si’ beschränken sich darauf, was für das Verständnis von Franziskus’ sozialem Denken direkt notwendig ist.

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Die Kirche der Armen und die Entwicklung der Soziallehre der Kirche nach dem Konzil

de Andrade, Paulo Fernando Carneiro

Einen Monat vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, am 11. September 1962, wandte sich Papst Johannes XXIII. übers Radio an die Welt mit einer wichtigen Botschaft, in der er einige Grundperspektiven für das Konzil vorgab. Er überraschte dabei die Welt durch seine Aussage: »Im Verhältnis zu den unterentwickelten Ländern zeigt sich die Kirche so, wie sie ist und sein soll: die Kirche aller, und in besonderer Weise die Kirche der Armen.« Aufgrund dieser Worte des Papstes wurde das Thema »Kirche der Armen« in diesem Moment von Neuem kirchlich und theologisch tonangebend. Ziel dieses Beitrags ist es zu vertiefen, welche Bedeutung und welche Folgen es hat, wenn sich die Kirche als Kirche der Armen sieht und sehen will.

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Wege der Hoffnung und der Befreiung: Was uns erwartet und worauf wir hoffen

Kuzma, Cesar

Wir sind eine pilgernde Kirche, die auf dem Weg der Hoffnung und der Befreiung wandelt. 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils ist zu fragen, was von uns verlangt ist, damit die Kirche ihr eschatologisches Ziel erreichen kann. Dazu gehört, dass wir uns am Reich Gottes ausrichten, das von Jesus verkündigt worden ist, und dass wir uns diesem verpflichten. Dieses Reich ist trotz vieler Sorgen nichts Utopisches oder eine Ideologie; es ist nicht zu verwechseln mit Magie oder Weltflucht, sondern es ist vielmehr konkret und real und dort zu erkennen, wo Liebe, Friede und Gerechtigkeit gelebt werden.

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Von unten her und im Geist denken

Irarrázaval, Diego

Der Beitrag blickt zurück auf 50 Jahre Konzilstheologie aus lateinamerikanischer Perspektive. Seine Stichworte sind: 1. Das Ereignis Gottes erkunden; 2. Das Randständige setzt die Hermeneutik in Gang; 3. Der Vorrang der Pneumatologie; 4. Krise der Paradigmen und das Begehren; 5. Sakralisierungen und das Evangelium; 6. Schweigen der Theologie und kirchliche Prophetie; Schlussfolgerung: In den Katakomben der Menschheit und mit dem Geist voranschreiten.

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Theologie. Unterbrochen.

Quinn, Regina Ammicht

Eduardo Galeano, Schriftsteller, Dichter, Journalist, Künstler und mit allen Arten des Exils vertraut, ist vor wenigen Wochen verstorben. Er war der Chronist der »Niemande«, derer, »die nicht sind, aber sein könnten«. Galeano selbst könnte einer dieser scharfsinnigen und weitherzigen Menschen sein, die uns Theologen in die Zukunft führen. In Mitteleuropa stehen Religion und Spiritualität wieder auf der öffentlichen und individuellen Agenda. Doch die Kirche wird von vielen nicht mehr als höchste Lehrinstanz in Fragen des Glaubens und der Moral, sondern in vielerlei Hinsicht selbst als moralisches Problem wahrgenommen. Das bringt die Theologie in eine neue und spezielle Situation. Um mit dieser Situation umzugehen, muss die Theologie (bezüglich der Frage, wie wir den Menschen die Wahrheit, die wir besitzen, besser kommunizieren können) keinen Lernprozess einleiten: Sie muss ein Lernprozess werden. Eine als Lernprozess verstandene Theologie wird ihre Sprache, ihre Ängste, ihre Überzeugungen und ihre »Normalitäten« beständig prüfen und wiederprüfen. Theologie muss bereit sein, sich »unterbrechen zu lassen« (Bonhoeffer) – von Gott, von der Welt. Um eine Theologie in Unterbrechung und eine Theologie der Unterbrechung zu werden, braucht sie die Tugenden und Kompetenzen der Sensibilität, Neugier, Phantasie und Widerstandskraft.

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Was ist aus der »Einheit aus ökumenischer Gnade«, die dem 20. Jahrhundert geschenkt wurde, geworden?

Scatena, Silvia

Dieser Beitrag will einige Überlegungen anbieten zum Stand der »ökumenischen Temperatur« fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, in einer mit dem Pontifikat von Papst Bergoglio eröffneten Zeit, in der nach dem »ökumenischen Winter« der letzten Jahrzehnte, um es mit den Worten von Yves Congar zu sagen, »die unserem Jahrhundert geschenkte Einheit aus ökumenischer Gnade« an den Horizont der Hoffnungen zurückkommen und zu einem entscheidenden Thema werden kann, das seine Geschichte noch vor sich hat

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Jugend und Kirche: Vom Paternalismus zur Koedukation der Generationen

Lefebvre, Solange

Seit jeher machten sich kirchliche Kreise Sorgen um die Jugend. Es scheint zwei Königswege hin zu einer erneuerten Pastoral zu geben: Einerseits führt die Beschäftigung mit der Dynamik zwischen den Generationen dazu, das eher paternalistische Verhältnis infrage zu stellen, das die kirchlichen Autoritäten gegenüber den jungen Erwachsenen möglicherweise pflegen. Und da die Adoleszenz und das Jugendalter über einen zunehmend längeren Zeitraum keine wichtigen rituellen Ereignisse kennen, muss man andererseits über die Riten dieser Übergangszeit nachdenken.

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