Weisheit der Völker (3/2018)

Volk Gottes: Eine noch nicht vollendete Wiederfindung des Selbstverständnisses der Kirche

Noceti, Serena

Die Kategorie „Volk Gottes“, die sowohl soziologisch als auch theologisch verwendet werden kann, war vom Zweiten Vatikanischen Konzil dazu ausersehen worden, die grundlegende Wesensform, die historisch gewachsene Gestalt, die im Horizont der Eschatologie zu verstehende Sendung und Eigenart des kollektiven Subjekts „Kirche“ zum Ausdruck zu bringen. Seit der Mitte der Achtzigerjahre erlebte man einen Rückgang und dann einen fast vollständigen Abbruch der Verwendung dieser Kategorie, mit Ausnahme seitens der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und einiger weniger europäischer und nordamerikanischer Theologen. Illustriert wird die Kritik, die von drei lehramtlichen Dokumenten aus den Jahren 1984 und 1985 gegenüber der unkritischen Verwendung dieser Kategorie erhoben wurde: Es handle sich hier um „einen Soziologismus ohne Bezug zum Mysterium“; um die Möglichkeit „nationalistischer Auswirkungen“; um den Verlust alles dessen, was an sich in diesen Ausdruck einbezogen ist, falls man „Volk“ nur noch mit den „Armen“ identifiziere und falls man beim Nachdenken über die Dynamik und historische Sendung der Kirche und die zwischenkirchlichen Beziehungen auf die marxistische Idee des Klassenkampfes zurückgreife. Schließlich werden noch die Gründe genannt, warum es im Interesse der Verwirklichung der von vielen gewünschten kirchlichen Reformen notwendig und dringlich sei, die echt ekklesiologische Sicht nicht zu vernachlässigen.

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Im Angesicht der Menschen: Theologisieren in der heutigen Zeit

Pineda-Madrid, Nancy

Dieser Artikel stellt die Frage: In wessen Namen theologisieren wir? Wenn unser Theologisieren dem kommenden Reich Gottes dient, und wenn unterdrückte Menschen eine privilegierte Stellung im Volke Gottes einnehmen, dann müssen sich Theologen die Frage stellen, welche Menschen es sind, die am stärksten ausgebeutet und von ihren Mitmenschen verachtet werden, und sollten den weitsichtigen Ausführungen von M. Shawn Copeland zu diesem Thema Beachtung schenken.

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Sendung und Identität des Volkes Gottes

Kuzma, Cesar

Die Aktualität ekklesiologischer Fragen, die vonseiten dessen aufgeworfen werden, was wir an Papst Franziskus wahrnehmen und von ihm empfangen, lassen uns zu einem Verständnis von Kirche, ihrer Sendung und Identität, in der Perspektive des Auszugs und des Anrufs des Reiches Gottes gelangen. Gott ist es, der uns ruft, uns einen neuen Horizont aufzeigt und uns zugleich zum Aufbau einer neuen Wirklichkeit einlädt. Der Aufbruch zu dieser neuen Wirklichkeit erfordert Verhaltensänderungen, eine Öffnung auf das Neue hin, das uns ungeschuldet dargeboten wird. Diese Kirche, die von Christus her entsteht und das Geheimnis ist, das uns auf das Heil verweist, ist auch Volk Gottes, und als Volk ist sie auf der Pilgerschaft innerhalb der Geschichte auf das endgültige Reich Gottes hin. Sie ist also eine Sendung aller. Dieser Beitrag umfasst drei Teile. Zu Beginn wird versucht, über die aktuellen dringenden Herausforderungen, die Situationen und Bedingungen nachzudenken, durch die man den Ruf zu unserer Sendung vernehmen kann. Einige dieser Fragen sollen darlegen, um daraufhin einige Aspekte der Ekklesiologie des Volkes Gottes herauszuarbeiten. Dies ist ein deutlicher Akzent des Zweiten Vatikanischen Konzils, den Franziskus in seiner kirchlichen Praxis wieder zur Geltung bringt. Im Folgenden ist von den Laien die Rede – ein Thema, das in jüngster Zeit hinreichend in den Vordergrund getreten ist und das einer neuen Reflexion bedarf, die sich der Herausforderung stellt, mit einer klerikalisierenden Struktur zu brechen, welche der Erfüllung der Sendung der Kirche im Weg steht. Es ist die Absicht des Beitrags, eine Reflexion in knapper Form zu bieten, die hier interveniert und einige Fragen aufwirft.

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Das Volk als Lamm Gottes

Susin, Luiz Carlos

Dieser Beitrag geht vom messianischen Hoheitstitel „Lamm Gottes“ aus, der im Neuen Testament auf Jesus angewandt wird, und mithilfe der Anthropologie René Girards verknüpft er das „gekreuzigte Volk“ im Sinne der Überlegungen Ignacio Ellacurías mit der Bezeichnung „Lamm Gottes“. Auf diese Weise begreift er das von Jon Sobrino entfaltete Axiom: „Außerhalb der Armen gibt es kein Heil.“ Es handelt sich hierbei nicht um eine Verschiebung, sondern um eine Erweiterung und historische Vertiefung der christlichen Soteriologie.

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Interkulturalität und »Volk«

Fornet-Betancourt, Raul

Vor dem Hintergrund des Gegensatzes zwischen der gegenwärtigen spirituellen Situation einerseits, die viele als „postmodern“ charakterisieren, und der spirituellen Situation der Zeit, in der die „Theologie des Volkes“ entstand, die vom (modernen?) Impetus der aktiven Rolle des Volkes als Subjekt der Geschichte geprägt ist, schlägt dieser Beitrag einen Weg des „Gespräches“ vor, bei dem sich ? sofern man die Herausforderung der Unterschiedlichkeit von Geist und Zeit annimmt ? zeigt, dass der Dialog nicht nur möglich ist, sondern sogar notwendig für ein intensiveres Nachdenken und Handeln in unserer Zeit ist. Dieser Weg wird grundlegend vom Dialog erhellt, den die interkulturelle Philosophie nach wie vor mit der erwähnten theologischen Tradition des Volkes und der Befreiung allgemein unterhält.

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Die Theologie des Volkes in multireligiösen Gemeinschaften

Amaladoss, Michael

Obwohl die Idee vom „Volk Gottes“ im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils als Gegenbild zur kirchlichen Hierarchie auftauchte, wird sie heute auf alle Völker ausgedehnt, seit man dem Gewissen als der Stimme Gottes und der tätigen Gegenwart des Heiligen Geistes in jedem Menschen besondere Aufmerksamkeit widmet. Dies wurde auch von Johannes Paul II. bekräftigt. Die Völker aller Religionen werden auf diese Weise als Mitpilger zum Reich Gottes betrachtet. Ihre Weisheit ist eher kulturell als religiös, und deshalb kann sie interreligiöse Bedeutung erlangen und die Völker auf ihrem Weg zum Reich Gottes mit Leben erfüllen.

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Der zentrale Stellenwert des Volkes in der soziokulturellen Theologie von Papst Franziskus

Luciani, Rafael

Die Rezeption des Konzils durch Papst Franziskus fügt sich in eine soziokulturelle Theologie, die aus der Ekklesiologie des Volkes Gottes entspringt. Darin wird das Bild einer Kirche entwickelt, die sich mitten in die Völker der Welt hineinbegibt und dort lebt. In diesem Sinne entfalte ich in knapper Form drei Begriffe des Lehramts von Papst Franziskus, die zum Verständnis dieser neuen Rezeption des Konzils beitragen: die Kirche im Aufbruch, die ständige pastorale Umkehr und die pastorale Begegnung mit dem Glaubenssinn des Volkes. Ich werde einige der Hauptquellen dieser missionarischen Ekklesiologie des Papstes Franziskus hervorheben, wobei ich den Akzent auf die historische und relationale Soteriologie lege, die sich im treuen Engagement der Kirche für den Aufbau einer Welt der Integration und Gerechtigkeit im Einklang mit den Werten des Reiches Gottes zeigt.

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Macht und Machtlosigkeit

Longchar, Wati

Verwendet man die Kategorie des „Randes“ als kritische theologische Kategorie, geht die Bewegung der Theologie nicht mehr vom Zentrum der Macht hin zu den Machtlosen, sondern von den Machtlosen hin zur Macht. Machtlosigkeit ist nicht als Schwäche zu verstehen, sondern als Ort Gottes. Denn die Offenbarung Gottes fand außerhalb aller Machtstrukturen statt. Die biblischen Zeugnisse und die Erfahrungen der Menschen, die gegenwärtig an den „Rändern“ leben, zeigen, dass Gott schon unter den An-den-Rand-Gedrängten gegenwärtig ist. Deshalb können wir Gott nicht vom Zentrum aus definieren und ihn zu den Menschen an den Rändern exportieren; vielmehr müssen wir lernen zu erkennen, wie Gott von den Rändern aus am Werk ist.

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Die Ordnung unserer Welt neu erfinden oder entdecken?

Bremer, Margot

Angesichts der Bedrohung durch eine „neue Weltordnung“, wie sie von einer Oligarchie multinationaler Unternehmen geplant wird, die unser Leben in Gefahr bringt, erhebt sich die Frage, ob unser Planet nicht bereits von einer Ordnung durchdrungen ist, an der man sich orientieren muss. Mit der Lektüre von Gen 1,1?2,4 von einer der indigenen Weltanschauungen unseres Amerika her soll diese Wahrscheinlichkeit tiefer ergründet werden. Den Text von der ganzheitlichen Weltsicht der Guaraní zu lesen erschließt uns eine neue Verstehensperspektive, die eine der Welt eingeschriebene Ordnung erkennen lässt. Der indigenen Auffassung zufolge wird der Mensch als Teil und nicht als Mittelpunkt des Kosmos verstanden, und das Leben wird als Geflecht wechselseitiger Beziehungen aller Lebewesen betrachtet, die der Einheit zustreben. Eine Entkolonisierung dieser anthropozentrischen und eurozentrischen Sichtweise würde uns für eine Zusammenarbeit befreien, die diese entdeckte Schöpfungsordnung wiederherstellt, wobei man bei den Wurzeln, an der Peripherie, beginnt: von Chaos der aufgezwungenen „neuen Ordnung“ her.

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