Maskulinitäten - Theologische und religiöse Aufgaben (2/2020)

Maskulinitäten

Abraham,Susan | Mori,Geraldo De | Knauss,Stefanie

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Männer, Männlichkeit, Gott

Connell,Raewyn

Der Artikel führt ein in die Männlichkeitsforschung. Im Zuge der Frauen- und Schwulenbefreiungsbewegungen nahmen alte Fragen eine neue Form an. In der Folge entwickelte sich ein weltweites Feld neuer sozialwissenschaftlicher Forschungen, und bald zeigten sich auch praktische Anwendungsmöglichkeiten. Außerdem kam es zu konzeptionellen Debatten, insbesondere über das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. Die Erforschung des Zustands der Welt nach dem Kolonialismus macht deutlich, dass ihre Geschlechterordnungen sehr viel pluraler und instabiler sind, als bislang angenommen wurde. Es wird nötig sein, diese Geschlechterordnungen in Verbindung mit dem Spannungsfeld von Privilegien und Ausgrenzung in den religiösen Traditionen noch genauer zu untersuchen.

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Männlichkeiten neu denken – in der Theologie

Anderson,Herbert

In jüngerer Zeit sind neue Vorstellungen von Menschsein aufgekommen: Ihre Kategorien sind fließender, breiter gefächert und nicht mehr binär ausgerichtet. Sie fordern die bislang noch zögernde Theologie heraus, sich zur immer noch bestehenden Vorherrschaft männlicher Gottesbilder zu äußern, die zur Aufrechterhaltung von Geschlechterhierarchien und damit zur Unterordnung von Frauen beitragen. Die gegenwärtige globale Krise, die sich in der Politik des »starken Mannes«, im Menschenhandel zu sexuellen Zwecken und in der sexuellen Belästigung von Frauen durch höherrangige Männer manifestiert, ist die Folge der toxischen Männlichkeit, die in patriarchalischen Systemen fortbesteht. Herbert Anderson schlägt vor, Männlichkeit mithilfe einer theologischen Perspektive neu zu entwerfen, und zwar auf eine Weise, die das Patriarchat in Frage stellt, eine bescheidenere Art des Sprechens von Gott fördert und in der Verwundbarkeit Gottes und der Menschen ein notwendiges Korrektiv für die hegemoniale Männlichkeit sieht.

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Abgelegte Maskulinität: Markus 14,51–52 in einer Lesart »del otro lado«

Mendoza,Manuel Villalobos

Was bedeutete es in der Welt des Neuen Testaments, männlich oder maskulin zu sein? Ein »Mann« oder eine »Frau« zu sein, hatte in der griechisch-römischen Welt wenig mit Biologie zu tun. Ein Mann musste seine Maskulinität ständig performen und demonstrieren, um als »echter Mann« (verus vir) zu gelten. Deshalb ist es ungewöhnlich, dass Markus 14,51–52 von einem jungen Mann erzählt, dessen Maskulinität bei der Verhaftung Jesu in Widerspruch zu den gesellschaftlichen Normen gerät. Seine Jugendlichkeit und sein kostbares Leinengewand (sindon) kennzeichnen ihn als effeminatus. Und sein nackter Leib belegt genau wie seine feige Flucht ins Dunkel der Nacht, dass er außerstande ist, seine Maskulinität unter Beweis zu stellen.

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Maskulinitäten, Religion und Sexualität

Chitando,Ezra

Religion ist nach wie vor ein wichtiger Faktor bei der Gestaltung und Ausübung von Maskulinitäten und Sexualitäten in verschiedenen Teilen der Welt. Dieser Artikel untersucht anhand einiger Beispiele aus dem afrikanischen Kontext, wie die Religion die Männlichkeiten und Sexualitäten im Allgemeinen beeinflusst. Er betont zwar, dass die Maskulinitäten im Plural auftreten, unterstreicht aber auch die Auseinandersetzungen um die Sexualitäten. Der Artikel untersucht, wie Religion heterosexuelle, homosexuelle und zölibatäre Sexualitäten beeinflusst. Es lenkt die Aufmerksamkeit auch auf strategische Bereiche, die das Entstehen von befreienderer Männlichkeiten und Sexualitäten erleichtern könnten.

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Maskulinität, Rasse, Vaterschaft

Lloyd,Vincent

Die Schäden, die durch toxische Formen der Maskulinität verursacht werden, scheinen in marginalisierten Gemeinschaften, in denen das Geschlecht als Instrument der Marginalisierung eingesetzt wird, unterschiedlich zu sein. Dies stellt eine besondere Herausforderung im Fall der schwarzen Amerikaner dar, wo sowohl die Geschlechts- als auch die Verwandtschaftsbeziehungen in der Sklaverei abgebaut und während der dem Sklavenleben nachfolgenden Zeit pathologisiert wurden, was Männlichkeit und Vaterschaft zusammengenommen zu einem besonders problematischen Thema macht. Bemühungen, die Maskulinität zu »erlösen«, klingen aus dieser Perspektive oft sehr nach den Bemühungen der weißen Rassisten, die schwarze Männlichkeit zu beherrschen. Die Autobiografie des hingerichteten Bandenführers Stanley Tookie Williams bietet angesichts seines Interesses an spirituellen Disziplinen einen besonders fruchtbaren Ausgangspunkt, um über die Möglichkeiten und Grenzen der Erlösung der schwarzen Männlichkeit nachzudenken.

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Orthodoxe Ideologie und Maskulinität in Putins Russland

Denysenko,Nicholas

Im postsowjetischen Russland bedient sich Präsident Wladimir Putin der orthodoxen Ideologie, um patriarchale Konstruktionen von Maskulinität zu fördern und umzusetzen. Dieser Artikel untersucht die Hegemonie der Maskulinität in den Strukturen und Praktiken der orthodoxen Kirche und zeigt auf, dass Putins Regime orthodoxe Lehren verwendet, um seinen Einsatz brutaler Gewalt in der Innen- und Außenpolitik zu rechtfertigen. Die Strategie kriegerischer Maskulinität legt die kombinierte Agenda von Kirche und Staat in Russland bloß: Russland als einen sicheren Raum vor der imaginären Bedrohung zu identifizieren, die von der Aussicht auf eine Öffnung zu Europa und dem Westen hin ausgeht.

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Das Geschlecht überwinden

Pakhare,Shyam

Gandhi war ein zutiefst religiöser Mensch. Seine politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ansichten entsprangen der Spiritualität im Nachhall des Kolonialismus. Gandhi hatte die transformative Kraft von Religion auf Menschen erfahren und verstand, warum Religion »aus Stroh Menschen machen« konnte. Im kolonialen Kontext wurden hinduistische Männer häufig als »sanft« beschrieben, wodurch eine Hegemonie zur britischen imperialistischen Maskulinität geschaffen wurde. Gandhi gab den Indern das Gefühl, stolz auf ihre natürliche Milde zu sein. Er regte an, Geschlechtsgrenzen zu überwinden. Gandhi appellierte an das Gewissen der Kolonialherren, durch satyagraha. Es gab keinen Krieg, sondern Dialog. Es gab weder Sieger noch Besiegte. Es war eine kollektive Reise zur Wahrheit.

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Die Maskulinität in der religiösen Tradition der Guaraní

Otazu,Angelica

Der vorliegende Text befasst sich mit der Vorstellung von Maskulinität in der religiösen Tradition indigener Bevölkerungen und insbesondere der Guaraní, wie sie sich aus einigen kulturellen Manifestationen und Ausdrucksformen – etwa der Rollenzuweisung in den Alltagsaktivitäten und der Charakteristik der Guaraní-Sprache – erschließen lässt. Um die wichtigsten Maskulinitätsmerkmale herauszuarbeiten, werden bereits vorliegende Untersuchungen zur Guaraní-Kultur und die in einigen einheimischen Gemeinschaften gesammelten Zeugnisse analysiert; allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass die Zukunft der anzestralen Praxis aufgrund der prekären sozio-ökonomischen Situation, in der sich die fraglichen Akteure befinden, ungewiss ist.

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Wesentlich andere Männer? Klerikale Männlichkeiten

Heimerl,Theresia

Klerikale Männlichkeit ist in der öffentlichen Wahrnehmung als »andere« Männlichkeit präsent, was sich auch in der medialen Inszenierung zeigt. Dieser Beitrag geht der historischen Entstehung und Entwicklung klerikaler Männlichkeit von der christlichen Antike bis in die Gegenwart nach. In einem zweiten Teil wird die systematisch-theologische Begründung der »Andersartigkeit« klerikaler Männlichkeit analysiert. Basis hierfür sind die Dokumente des II. Vaticanums. Abschließend fragt der Beitrag, welche Auswirkungen die besondere Definition klerikaler Männlichkeit hat und ob diese unter den Bedingungen der Gegenwart noch Bestand haben kann.

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Männlichkeit und sexueller Missbrauch in der Kirche

Rubio,Julie Hanlon

Die im Sommer 2017 neu aufgeflammte Krise angesichts des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche hat zu Recht Forderungen nach öffentlicher Schmerzbekundung, nach Gerechtigkeit für die Opfer, nach Selbstprüfung und Strukturwandel laut werden lassen. Viele Theorien über die Ursachen wurden vorgebracht, aber die meisten werden von den sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zum sexuellen Missbrauch nicht bestätigt. Angesichts der Tatsache, dass Männer die Haupttäter des Missbrauchs von Erwachsenen und Kindern sind, könnte Männlichkeit die Hauptursache sein. Dieser Essay liest die Analysen des sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung durch Geistliche mithilfe der Brille zeitgenössischer Forschungen zum Thema Geschlecht. Weil der sexuelle Missbrauch durch Geistliche auf jeder Ebene geschlechtsspezifisch ist, vertritt die Autorin die Ansicht, dass für eine wirkliche Veränderung der Situation die Auseinandersetzung mit den problematischen Vorstellungen und Inszenierungen von Männlichkeit unbedingt erforderlich ist.

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Klerikale Männlichkeiten und das Paradigma der Relationalität

Boff,Leonardo

Es gibt eine typisch klerikale Männlichkeit, eine Konsequenz des Zölibatsgesetzes, das denen abverlangt wird, die der Gemeinschaft dienen. Die heilige Macht der Amtsträger wurde von einigen dazu ausgenutzt, Minderjährige zu missbrauchen. In den Priesterseminaren gibt es keine adäquate Bildung für die Integration der Sexualität ohne die Präsenz des weiblichen Elements. Diese Tatsache würde eine Diskussion über die menschliche Sexualität erfordern, die aber bisher von der Institution Kirche nicht geleistet wurde, und zwar aus Angst, die Frage des Zölibatsgesetzes aufzuwerfen. Das ist funktional für die Kirche, deren Führungspersonal lediglich aus zölibatären Männern besteht und deren struktureller Angelpunkt die heilige Macht und nicht die Gemeinschaft ist. Diese Art der Organisation der Kirche macht die Integration des Männlichen und Weiblichen in das Zölibatäre schwierig.

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Die Synode für die Pan-Amazonas-Region

Maia,Filipe

Die Synode für die Pan-Amazonasregion schloss am 27. Oktober 2019 mit dem Aufruf zu einer erneuerten römisch-katholischen Präsenz in Amazonien, der Anerkennung der Notwendigkeit einer »ganzheitlichen, ökologischen Umkehr«, der Bedeutung der Entwicklung indigener Theologien und inkulturierter Liturgien sowie der Forderung nach der Zulassung von Frauen zum ständigen Diakonischen Dienst der Kirche. Dieser Aufsatz beschreibt einige der von der Synode behandelten Diskussionsthemen im Detail und verortet diese Gespräche im Kontext des turbulenten politischen Szenarios in Brasilien, wo die Synode von den politischen Behörden angegriffen wurde.

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Der Vatikan, China und die Zukunft der chinesischen katholischen Kirche

Vermander,Benoît

Im September 2018 unterzeichnete der Heilige Stuhl eine Vorläufige Vereinbarung mit der chinesischen Regierung über das Verfahren zur Ernennung von Bischöfen. Dieser Beitrag ordnet das Abkommen in seinen historischen Kontext ein, bewertet seine Umsetzung etwas mehr als ein Jahr nach der Unterzeichnung und skizziert einige Perspektiven. Er möchte auf den positiven und notwendigen Charakter der erzielten Vereinbarung aufmerksam machen und betont, dass sie in eine Zeit der Verschärfung der chinesischen Religionspolitik fällt. Dialog und Vertrauen sind wiederhergestellt, aber der Weg, der vor uns liegt, ist weiterhin schmal und schwierig.

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